Stellungnahme und Aktionen der Kirchen

Bishop Axel Noack
Jetzt ist noch Zeit zu einem klaren "Nein!"
Magdeburg, 14 November 2001
Unofficial English translation

"Ich rufe die Abgeordneten des Deutschen Bundestages auf, dem Anliegen der Bundesregierung, deutsche Soldaten in Afghanistan einzusetzen, nicht zu folgen und ihre Zustimmung dazu zu verweigern.

  • Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages stehen vor einer schweren Entscheidung, sie müssen sie in freier Verantwortung vor ihrem Gewissen treffen dürfen. Über den Beginn des Krieges in Afghanistan konnten deutsche Abgeordnete nicht entscheidend mitbestimmen. Beim Einsatz deutscher Soldaten lastet auf ihnen die volle Verantwortung, die sie sich von niemanden abnehmen lassen können und abnehmen lassen dürfen.
  • Auch gegenteilige Behauptung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um eine nach gründlichem Abwägen aller Aspekte von jedem einzelnen Abegordneten und jeder Abgeordneten persönlich zu verantwortenen Entscheidung geht. Es ist Ihnen nicht erlaubt, die zur Entscheidung anstehende Frage nur unter parteitaktischen Gesichtspunkten bzw. nach den Auswirkungen auf eine Regierungskoalition zu betrachten. Es ist ein Irrtum zu meinen: Indem ich mich von einem zum anderen schlechten Kompromiß hangele, irgendwie politisch gestalten zu können.
  • Als eines der hauptsächlichen Kriterien für die Beurteilung des Einsatzes militärischer Gewalt gilt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel und dannach, ob die angewendeten Mittel geeignet sind, das angestrebte Ziel auch zu erreichen. Nach vier Wochen Bombardement ist nicht erkennbar, dass wir dem Ziel der Bekämpfung des Terrorismus näher gekommen wären.
  • Angetreten, Terrorismus zu bekämpfen und Verbrecher dingfest zu machen, hat der Bombenkrieg in Afghanistan schon bisher eine nicht näher bekannte Zahl unschuldiger Opfer gefordert. Fehlschläge sind auch von der amerikanischen Regierung zugegeben worden. In der islamischen Welt wird mit jeder Bombe die antiwestliche Stimmung gestärkt und der islamische Fundamentalismus letzlich unterstützt.
  • Als vor Wochen der Bundeskanzler die Solidarität und Bündnistreue Deutschlands erklärte, hat er die Zusage gegeben, dass sich die Bundeswehr nicht auf ein Abenteuer einlassen würde. Ich halte, was bisher noch beschönigend als "Bereitstellung" von deutschen Soldaten für den Krieg in Afghanistan bezeichnet wird, als den Beginn eines militärischen Abenteuers, dessen Ende nicht absehbar ist.
  • Der Abwurf von Lebensmittelpaketen hat sich als Demonstration lächerlicher Hilflosigkeit herausgestellt. Die Not der afghanischen Flüchtlinge ist unbeschreiblich und wächst zusehends. Aufrufe, die Bombardierung wenigstens zur ansatzweisen Behebung des Flüchtlingselends zu unterbrechen, finden mittlerweile breite Unterstützung.
  • Angetreten, die freiheitliche, demokratische Ordnung gegenüber terroristischen Anschlägen zu verteidigen, haben wir in den letzten Wochen eine Kampagne undemokratischer Informationsverknappung erlebt. Unter dem Argument der militärisch gebotenen Geheimhaltung wurden wir einer Beschwichtigungswelle ausgesetzt, die mich an DDR-Zeiten erinnert. Das Fehlen bzw. die bewußte Vermeidung offener und öffentlicher Information darf nicht als Argument gegen eine klare Entscheidung herhalten: Weil ich nicht genau über die wirklichen Folgen der Bombardierung informiert bin, soll ich mich nicht gegen sie äußern dürfen ?
  • In unserer Demokratie, die Meinungsvielfalt nicht nur zulassen muss, sondern zur Wahrheits- und Entscheidungsfindung dringend braucht, wurde die Zustimmung zur Position der Bundesregierung zur Bekenntnisfrage hoch stilisiert. Abweichende Meinungen wurden mangelnder Solidarität mit den Opfern in Amerika verdächtigt.
  • Falsche Entscheidungen werden nicht dadurch richtig, daß ich sie mit schlechtem Gewissen und unter "großen Bedenken" getroffen habe. Es gibt Situationen, in denen es nur um "Ja" oder "Nein" geht. Einschränkende Zusätze und die Betonung der "Bauchschmerzen" dienen allein dem eignen Seelenfrieden. Wenn die Abgeordneten auch nur die kleinsten Zweifel an der Sinnhaftigkeit des ganzen Unternehmens haben - und diese Zweifel äußern sie alle mehr oder weniger offen! - dann sollen sie "Nein" sagen.

    Ich weiss, daß ich mich mit meiner Position unterscheide von vielen Gliedern unserer Kirche und von verschiedenen, in Synode und Rat der EKD vertretenen Meinungen. Anderen, gegenteiligen Entscheidungen versage ich meinen Respekt nicht. Es gibt aber Situationen, in denen es nach Abwägen aller Stimmen und Informationen zu einer eigenständigen, gewissensmäßig gegründeten Entscheidung kommen darf und kommen muss. Es gibt eine Zeit, da muss taktisches und politisches Abwägen zurücktreten vor einer klaren Entscheidung ohne Wenn und Aber. Ich halte diesen Zeitpunkt für gekommen.


    There is still time for a clear "No"
    (provisional, unofficial translation DCE)

    I call on the members of the German Parliament not to follow and to reject the proposal of the Federal Government to send German soldiers to Afghanistan.

  • The members of the German Parliament are faced with a difficult decision; they must assume their responsibility and act freely on the basis of their conscience. On the beginning of the war in Afghanistan the German parliamentarians could not decisively participate. On the introduction of German troops, they must assume the full responsibility that no one can or should take from them.
  • The fact that there are differing opinions cannot obscure the fact that each individual parliamentarian is personally responsible for his or her decision. They cannot leave the decision on this question to political party tactics, e.g. with respect to the effect of a decision on the governing coalition. It is a mistake to think: I can justify for political reasons giving in to one or another bad compromise.
  • One of the main criteria for judgment on the use of military power is the question of the proportionality of means and whether the chosen means are appropriate to the aim. After four weeks of bombing, it is not clear that we have come closer to the goal of combating terrorism.
  • The bombing of Afghanistan in order to combat terrorism and arrest criminals has so far claimed a still-unknown toll of innocent victims. The American Government has admitted mistaken strikes. With every bomb the anti-Western attitude of the Islamic world has been strengthened and finally offered support to Islamic fundamentalism.
  • When the Federal Chancellor explained weeks ago Germany’s solidarity with and loyalty to the Coalition, he promised that the Federal Army would not be drawn into such an adventure. In my opinion, what was previously excused as "readying" German soldiers for the war in Afghanistan was in fact the beginning of a military adventure whose end is not visible.
  • The dropping of food packets has shown itself to be a laughable expression of helplessness. The need of the Afghani refugees is indescribable and apparently growing. As a result, the call to call an at least temporary halt to bombing as a means to reduce the suffering of the refugees has in the meantime gained wide support.
  • To invade in order to defend the free and democratic order against terrorist attacks has been seen in recent weeks to be an undemocratic exercise in distorted information. The argument of military secrecy reminds me all too well of what we experienced in GDR times. The lack or conscious blocking of open and public information cannot be accepted as an argument against a clear decision: If I am not informed of the true consequences of bombing, should I be allowed not to speak out against them?
  • In our democracy, the diversity of opinions should not shut out but rather needs to lead urgently to reaching the truth and decisions. However acceptance of the Federal Government’s has been turned into a confessional question. Deviant opinions would cause us to be suspected of being lacking in solidarity with the American victims.
  • False decisions will not be justified by my having taken them with a bad conscience and in the name of the "greater good." There are situations in which only a "yes" or a "no" are valid. "Bellyaching" and limiting amendments serve only to ease one’s own conscience. If parliamentarians have even the slightest doubt about whether the whole undertaking makes sense - and they express these doubts more or less openly! - then they should say "no."

    I know that I by taking my position I set myself apart from many members of our church and that various other opinions represented in the Synod and the Council of the EKD. I respect other opposing decisions. However there are times when, irrespective of all other voices and information, decisions based on conscience can and must be taken. There is a time when tactical and political considerations must give way to a clear decision without ifs and buts. I believe this time has come."


    Zuruck zür Liste